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Delir: oft unerkannt, potenziell tödlich. Was man tun kann

Eine gesunde Ernährung ist wichtig für die Gesundheit und damit auch dafür, jung zu bleiben. Hier sind Tipps, worauf besonders zu achten ist.
Wenn die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein gestört sind, vielleicht auch Sprach- und Gedächtnisprobleme dazukommen, können das Warnzeichen für ein Delir sein. Foto: Susan Wilkinson/unsplash

Delir ist eines der Krankheitsbilder, vor dem viele mir bekannte Ärztinnen und Ärzte (mich selber eingeschlossen) am meisten Angst haben. Viele denken, dass ein Delir hauptsächlich bei Alkoholentzug auftritt: dem ist aber nicht so, Delir ist ein relativ häufiges und wirklich bösartiges Krankheitsbild mit einem deutlich erhöhtem Sterblichkeitsrisiko!


Alter ist der Hauptrisikofaktor

Frau Prof. Claudia Spies ist Anästhesistin und Intensivmedizinerin an der Charite in Berlin und forscht seit vielen Jahren zum Krankheitsbild Delir. Der Hauptrisikofaktor ist das Lebensalter. Die Prävalenz des Auftretens eines Delirs beträgt 1 bis 2% , steigt aber bei Personen über 85 auf etwa 14%. Ich selber bin im November 1953 geboren, das heißt ich gehöre bereits zur Risikogruppe.


Im Krankenhaus ist ein Delir wesentlich häufiger, Bei Krankenhausaufnahme ist die Prävalenz bereits 18 bis 35% (das heißt, ein Delir führt nicht selten zur Vorstellung in einer Notaufnahme bzw. stationären Einweisung) und steigt während des Krankenhausaufenthaltes auf 30 bis 60% an, insbesondere nach größeren Operationen. Bei beatmeten Patienten auf der Intensivstation sind es bis zu 80%.


Wenn das Gehirn nicht mehr richtig funktioniert

Claudia Spies definiert das Delir nicht bloß als einen Zustand von Verwirrtheit, sondern als ein akutes Organversagen des Gehirns. Sie beschreibt die wesentlichen Elemente ihrer Definition eines Delirs.


Eine Frau mittleren Alters greift sich an den Kopf, weil sie Probleme mit ihrer Aufmerksamkeit hat.
Eine Störung der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins ist eines der akuten Merkmale eines Delirs. Foto: Getty Images/Unsplash +

1. Die Krankheits-Kernkriterien

Für Claudia Spies ist ein Delir durch vier Merkmale gekennzeichnet, die akut auftreten müssen:

a)   Störung der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins: Der Patient kann sich nicht fokussieren oder ist in seiner Wachheit beeinträchtigt (somnolent oder hyperaktiv).

b) Akuter Beginn und fluktuierender Verlauf: Die Symptome entwickeln sich innerhalb von Stunden bis Tagen und schwanken im Tagesverlauf (oft Verschlechterung am Abend, das sogenannte "Sundowning").

c) Zusätzliche kognitive Störung: Zum Beispiel Gedächtnisverlust, Desorientierung oder Sprachstörungen.

d)  Nicht durch andere neurokognitive Störungen erklärbar: Es ist keine Demenz (auch wenn eine Demenz das Risiko für ein Delir massiv erhöht).

Darstellung eines Gehirns
Das Gehirnversagen des Delirs entsteht unter anderem durch ein Ungleichgewicht zwischen dem Bedarf und dem Angebot von Sauerstoff und Energie während einer Stressituation. Foto: Mohamed Nohassi/Unsplash +

2. Die physiologische Perspektive: "Brain Failure" - "Gehirnversagen"

Ein zentraler Punkt von Claudia Spies ist die Analogie zu anderen Organen. Sie definiert das Delir als:

  • Enzephalopathie: Eine diffuse Störung der Gehirnfunktion.

  • Energetisches Defizit: Ein Ungleichgewicht zwischen dem Sauerstoff-/Energiebedarf des Gehirns und dem Angebot während einer Stresssituation (wie einer Operation).

  • Neuroinflammation: Eine Entzündungsreaktion im Gehirn, die durch das chirurgische Trauma oder Infektionen ausgelöst wird.

 

3. Die drei Erscheinungsbilder (Phänotypen)

Spies betont in ihren Publikationen, dass Delir nicht gleich Delir ist. Sie unterscheidet strikt zwischen:

Typ

Merkmale

Risiko

Hyperaktives Delir

Agitiertheit, Halluzinationen, Nesteln, Aggression.

Wird schnell erkannt, ist aber seltener.

Hypoaktives Delir

Apathie, Schläfrigkeit, Rückzug, wenig Bewegung.

Gefährlichste Form, da sie oft übersehen wird ("der brave Patient").

Mischform

Wechselt zwischen beiden Zuständen hin und her.

Häufigstes Bild im klinischen Alltag.

 

Ein Patient mittleren Alters hat ein Beratungsgespräch bei einer Ärztin.
Entscheidend ist, sich bei Unsicherheiten ärztlich beraten zu lassen und medizinische Untersuchungen, sogenannte Screenings, speziell für die Erkennung eines Delirs durchführen zu lassen. Foto: Vitaly Gariev/Unsplash +

Folgende Gesichtspunkte sind nach Claudia Spies wesentlich:


1.    Die Detektion: Weg vom "Bauchgefühl"

Ein Delir wird in bis zu 66% der Fälle übersehen, wenn man sich nur auf den klinischen Eindruck verlässt – besonders bei der hypoaktiven Form (dem "stillen" Delir). Standardisierte Screening-Tools, die speziell dafür eignen, das Krankheitsbild Delir zu erkennen, werden empfohlen.

 

2.    Die Prävention: Das Gehirn schützen

Die beste Behandlung eines Delirs ist es, gar nicht erst eines entstehen zu lassen.

  • Medikamenten-Check: Rigorose Vermeidung von Medikamenten, die das Delir-Risiko erhöhen.

  • Schlaf-Wach-Rhythmus: Lärmreduzierung in der Nacht und maximale Mobilisierung/Lichtexposition am Tag.

  • Sensorische Unterstützung: Brillen und Hörgeräte müssen sofort wieder zum Patienten. Wer nichts hört oder sieht, desorientiert schneller.


    3.   Die Behandlung: Ursachensuche statt Sedierung

  • Das "Warum?" klären: Ein Delir ist ein Symptom. Wir müssen die Auslöser finden: Infekte, Schmerzen, Dehydrierung oder ein Harnverhalt?

  • Nicht-pharmakologische Ansätze: Die Einbindung von Angehörigen (Family Engagement) und eine empathische Re-Orientierung durch festes Personal wirken oft besser als jedes Neuroleptikum.

 

Als Neurologe kann ich Claudia Spies nur zustimmen:

"Das Gehirn ist ein Organ wie jedes andere auch. Wenn die Niere versagt, schlagen wir Alarm. Wenn das Gehirn versagt, sagen wir oft: Der Patient ist halt etwas tüddelig. Das muss aufhören."


…und sie stellt fest:

"Ein Patient, der delriant ist, hat eine Prognose, die vergleichbar mit der eines schweren Herzinfarktes oder einer Sepsis ist."


Ein älteres Pärchen geht miteinander in einer schönen Naturkulisse spazieren und hält dabei Händchen, genießt die Zeit zu zweit.
Ein gesunder Lebensstil mit viel Bewegung, gesunder Ernährung und gemeinsamer Zeit mit geliebten Menschen ist die beste Prävention für das Gehirn. Foto: Vitaly Gariev/Unsplash +

Zusammenfassung für Betroffene und Angehörige

  • Nehmen Sie plötzliche Verwirrtheit oder extreme Schläfrigkeit nicht als bloßes "Alterssymptom" hin, sondern betrachten Sie es als ernstzunehmendes Gehirnversagen, das sofortige medizinische Hilfe erfordert.

  • Achten Sie im Krankenhaus besonders auf den "stillen" Rückzug (hypoaktives Delir), da dieser oft übersehen wird, obwohl er genauso gefährlich ist wie Unruhe.

  • Zur Vorbeugung ist es entscheidend, Sehhilfen und Hörgeräte sofort griffbereit zu haben sowie einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus zu erhalten.

  • Eine frühzeitige gesunde Lebensweise und die Einbindung vertrauter Angehöriger sind die besten Schutzfaktoren für Ihr Gehirn.


Ich persönlich bin überzeugt davon, dass durch eine Gesunderhaltung des Gehirns, beginnend spätestens im mittleren Lebensalter auch das Risiko eines Delirs deutlich gesenkt werden kann. In diesem Sinne:


Bleib jung!


Quellen:

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