Altern Egoisten schneller?
- Dr. Hans Gnahn

- vor 2 Tagen
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Über Jahrzehnte Praxistätigkeit als Neurologe und langjähriger Begleitung von
Tausenden von Patienten bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass ausgeprägte
Egoisten tatsächlich schneller altern und früher sterben. Über Jahrhunderttausende hat der Mensch in Gruppen von wohl meist weniger als 100 Mitmenschen gelebt.
Damals war das gegenseitige Geben und Nehmen für die Gruppe überlebenswichtig. Ein chronisch "parasitäres" Verhalten eines Individuums führte wohl häufig dazu, dass die Gruppe sich von diesem Individuum letztlich abwandte. Das war für dieses Individuum im Endeffekt tödlich.
Weniger Sympathie für Egoisten
Erst vor ca. 11.000 Jahren wurden Menschen nach der letzten Eiszeit sesshaft, die
frühesten archäologischen Hinweise dafür stammen aus Ausgrabungen der letzten
Jahrzehnte in der heutigen Südosttürkei, z. B. Göbekli Tepe. Das war eine Revolution für die
Menschheit, aber änderte nichts an der Tatsache, dass wir soziale Lebewesen sind
und auch heute noch ein feines Empfinden für Egoisten haben.
Eine Vielzahl von Studien aus der Sozialpsychologie und Verhaltensökonomie hat
gezeigt, dass wir Egoisten weniger sympathisch finden. Sympathie ist aber eine Art
sozialer Kleber. Wer nicht teilt, ein "Trittbrettfahrer“ ist, wird durch geringe
Sympathie und soziale Ausgrenzung bestraft. Wissenschaftlich gesehen ist
Sympathie also eine Art Währung für soziale Kooperation. Da der Egoist nicht in den
gemeinsamen Topf einzahlt, entziehen wir ihm die Währung.
Das Spielexperiment
Die Spieltheorie zeigt mit dem Ultimatum-Spiel deutlich, wie wir auf Egoismus
reagieren. Der Versuch: Person A bekommt 100 Euro und muss Person B einen Teil davon, den Person A selbst bestimmt, abgeben. Die Hürde: Wenn B ablehnt, bekommen beide nichts - das wissen sowohl Person A, als auch Person B. Person B würde jetzt vermutlich jedes Angebot annehmen, denken Sie vielleicht, schon ein Euro wäre ja besser als nichts. Das überraschende Ergebnis: In der Studie lehnte die Person B ein Angebot unter 30 Prozent oft ab – sie nehmen lieber einen eigenen Nachteil in Kauf, um den "Egoisten" zu bestrafen.
Macht Egoismus krank?
Dass Egoismus und insbesondere seine extreme Form, der Narzissmus, die
Lebenserwartung verkürzend und krankmachend sein kann, klingt zunächst paradox
– schließlich kümmern sich diese Menschen doch ohnehin "nur um sich selbst".
Aber: und da kommt unsere Jahrhundertausendelange menschliche Vorgeschichte
ins Spiel: Egoistische und narzisstische Menschen leben in einem permanenten
Zustand der sozialen Wachsamkeit. Das ist ein Dauerstress für den Organismus mit
dauerhaft vermehrter Ausschüttung des Stresshormons Cortisol.
Krankmachende Einsamkeit gilt heute als ein starker Gesundheitsrisikofaktor, kann
die Lebenserwartung um Jahre reduzieren und wird oft mit dem Rauchen von
15 Zigaretten pro Tag verglichen. Wissenschaftlich gesehen ist der Zusammenhang
zwischen Egoismus und Einsamkeit ein gut belegtes Paradoxon: Wer sich nur um
sich selbst kümmert, endet oft allein, obwohl er eigentlich Bestätigung von anderen
sucht.
Der reziproke Altruismus ist eine Theorie, die zunehmend wissenschaftlich belegt wird. Sie versucht, die Evolution altruistischen, selbstlosen Verhaltens zwischen nichtverwandten Individuen durch natürlich Selektion zu erklären. Das leuchte mir ein.
Bleib jung!
Quellen:





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