top of page

Altern Egoisten schneller?




Über Jahrzehnte Praxistätigkeit als Neurologe und langjähriger Begleitung von

Tausenden von Patienten bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass ausgeprägte

Egoisten tatsächlich schneller altern und früher sterben. Über Jahrhunderttausende hat der Mensch in Gruppen von wohl meist weniger als 100 Mitmenschen gelebt.


Damals war das gegenseitige Geben und Nehmen für die Gruppe überlebenswichtig. Ein chronisch "parasitäres" Verhalten eines Individuums führte wohl häufig dazu, dass die Gruppe sich von diesem Individuum letztlich abwandte. Das war für dieses Individuum im Endeffekt tödlich.


Weniger Sympathie für Egoisten

Erst vor ca. 11.000 Jahren wurden Menschen nach der letzten Eiszeit sesshaft, die

frühesten archäologischen Hinweise dafür stammen aus Ausgrabungen der letzten

Jahrzehnte in der heutigen Südosttürkei, z. B. Göbekli Tepe. Das war eine Revolution für die

Menschheit, aber änderte nichts an der Tatsache, dass wir soziale Lebewesen sind

und auch heute noch ein feines Empfinden für Egoisten haben.


Eine Vielzahl von Studien aus der Sozialpsychologie und Verhaltensökonomie hat

gezeigt, dass wir Egoisten weniger sympathisch finden. Sympathie ist aber eine Art

sozialer Kleber. Wer nicht teilt, ein "Trittbrettfahrer“ ist, wird durch geringe

Sympathie und soziale Ausgrenzung bestraft. Wissenschaftlich gesehen ist

Sympathie also eine Art Währung für soziale Kooperation. Da der Egoist nicht in den

gemeinsamen Topf einzahlt, entziehen wir ihm die Währung.


Das Spielexperiment

Die Spieltheorie zeigt mit dem Ultimatum-Spiel deutlich, wie wir auf Egoismus

reagieren. Der Versuch: Person A bekommt 100 Euro und muss Person B einen Teil davon, den Person A selbst bestimmt, abgeben. Die Hürde: Wenn B ablehnt, bekommen beide nichts - das wissen sowohl Person A, als auch Person B. Person B würde jetzt vermutlich jedes Angebot annehmen, denken Sie vielleicht, schon ein Euro wäre ja besser als nichts. Das überraschende Ergebnis: In der Studie lehnte die Person B ein Angebot unter 30 Prozent oft ab – sie nehmen lieber einen eigenen Nachteil in Kauf, um den "Egoisten" zu bestrafen.


Macht Egoismus krank?

Dass Egoismus und insbesondere seine extreme Form, der Narzissmus, die

Lebenserwartung verkürzend und krankmachend sein kann, klingt zunächst paradox

– schließlich kümmern sich diese Menschen doch ohnehin "nur um sich selbst".


Aber: und da kommt unsere Jahrhundertausendelange menschliche Vorgeschichte

ins Spiel: Egoistische und narzisstische Menschen leben in einem permanenten

Zustand der sozialen Wachsamkeit. Das ist ein Dauerstress für den Organismus mit

dauerhaft vermehrter Ausschüttung des Stresshormons Cortisol.


Krankmachende Einsamkeit gilt heute als ein starker Gesundheitsrisikofaktor, kann

die Lebenserwartung um Jahre reduzieren und wird oft mit dem Rauchen von

15 Zigaretten pro Tag verglichen. Wissenschaftlich gesehen ist der Zusammenhang

zwischen Egoismus und Einsamkeit ein gut belegtes Paradoxon: Wer sich nur um

sich selbst kümmert, endet oft allein, obwohl er eigentlich Bestätigung von anderen

sucht.


Der reziproke Altruismus ist eine Theorie, die zunehmend wissenschaftlich belegt wird. Sie versucht, die Evolution altruistischen, selbstlosen Verhaltens zwischen nichtverwandten Individuen durch natürlich Selektion zu erklären. Das leuchte mir ein.


Bleib jung!



Quellen:

Kommentare


bottom of page