Erhöhtes LDL Cholesterin: Was heißt das?
- Dr. Hans Gnahn

- vor 1 Tag
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Wir haben alle von Natur aus unterschiedliche Erbmerkmale. Bei mir ist das u. a. leider eine genetisch bedingte eher mäßiggradige Erhöhung des LDL Cholesterins. Deswegen nehme ich seit mehr als 25 Jahren ein LDL-Cholesterin-senkendes Medikament ein, ein sogenanntes Statin (genauer Atorvastatin 40mg am Abend, bislang keinerlei Nebenwirkungen).
Das gute und das schlechte Cholesterin?
Das sogenannte Gesamtcholesterin wird im Blut gemessen und kann in LDL Cholesterin und HDL Cholesterin unterteilt werden. Das LDL (Low Density Cholesterin) wird oft als "schlechtes Cholesterin" bezeichnet, weil es – vereinfacht gesagt – bei erhöhten Werten zu einer Cholesterinablagerung in den Arterien und damit Arteriosklerose führen kann. Im folgenden kürze ich die Bezeichnung LDL Cholesterin mit LDL ab. HDL (High Density Cholesterin) galt lange Zeit als "gutes Cholesterin", was aber von vielen Forscherinnen und Forschern jetzt in Frage gestellt wird.
Die Medizin hat sich die Tatsache zunutze gemacht, dass es auch Menschen mit genetisch bedingtem niedrigen LDL-Werten gibt und herausgefunden, dass diese beneidenswerten Mitmenschen ein deutlich erniedrigtes Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt und wohl auch ein erniedrigtes Risiko für Demenz haben.
INVADE für die Hirngesundheit
Eine der wenigen Dinge, auf die ich meiner mehr als 40-jährigen medizinischen Laufbahn wirklich stolz bin, ist, dass ich vor 25 Jahren Gründungsmitglied des Hausärztenetzwerkes INVADE www.invade.de war. Obwohl ich Neurologe und kein Hausarzt bin. Es war damals schon klar, dass für eine älter werdende Gesellschaft die Erhaltung der Hirngesundheit entscheidend ist, dass eine Primärprävention zur Erhaltung der Hirngesundheit spätestens im mittleren Lebensalter beginnen muss und dass der Hausarzt und sein Team dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Hausärzte entscheidend für unser Gesundheitssystem
Als Nicht-Hausarzt unterstütze ich ausdrücklich eine Aufwertung der Hausarztfunktion. Wir müssen aus meiner Sicht alles dafür tun, dass unser deutsches Gesundheitssystem nicht "Auswüchse" des US-amerikanischen Gesundheitssystems annimmt (das deutlich teurer ist als unseres, gleichzeitig bei "harten Endpunkten" wie Lebenserwartung für bestimmte Bevölkerungsgruppen schlechter ist als europäische Gesundheitssysteme).
In den ersten Jahren von INVADE hatten wir mit erheblichen Widerständen zu kämpfen. Ein Argument, das uns damals entgegengehalten wurde, war, dass die Einnahme von Statinen (die damals auch noch viel teurer waren als heute) nur in der Sekundärprävention sinnvoll seien. Das heißt, erst wenn ein Ereignis wie Schlaganfalls oder Herzinfarkt bereits eingetreten ist (das Kind also sozusagen bereits "in den Brunnen gefallen" ist). Das hat uns damals schon nicht eingeleuchtet.
Wissenschaftliche Evidenz
Es ist übrigens kein Zufall, dass der Beginn meiner Einnahme eines Statines mit dem Beginn von INVADE zusammenhängt. INVADE hat einen hohen wissenschaftlichen Anspruch und hat immer mit Universitätsforschern zusammengearbeitet. Übrigens ist bei mir keine Gefäßkrankheit bekannt – vielleicht auch wegen der langjährigen konsequenten Kontrolle von Risikofaktoren. Aus meiner Sicht ist eine Ungleichbehandlung von Patienten im Vergleich zu den Ärzten selber nicht akzeptabel. Viele meiner Patienten berichten mir, dass sie vor keiner Krankheit mehr Angst haben als vor einer Demenz.
Die britische Medizinzeitschrift "The Lancet“ gehört zu den weltweit führenden. Eine internationale "Lancet standing Commission" hat am 10. August 2024 (Vol. 404, Seiten 572-628) aus meiner Sicht in hervorragender Weise den aktuellen Kenntnisstand zu Demenz Prävention, Intervention und Pflege publiziert: "Dementia prevention, intervention and care: 2024 report oft he Lancet standing Commission". Man kann sich bei "The Lancet" anmelden und dann ein pdf des Reports herunterladen. Sind allerdings 57 Seiten.
Studie zeigt erneuten erhöhten LDL-Wert als Demenzrisiko
Besonders informativ finde ich die Abbildung auf Seite 593, bereits weniger Schulbildung im frühen Leben ist ein Risikofaktor für Demenz. Ein von der Kommission 2024 neu hinzugefügter Risikofaktor ist – Sie ahnen es schon – ein erhöhter LDL-Wert (erhöht das Demenzrisiko immerhin um 7 %).
Übrigens wird ein "high LDL cholesterol" in der besagten Übersichtsarbeit bei einem Wert größer als 3 mmol/L entsprechend 116 mg/dl ausgegangen. Nach meinem Kenntnisstand ist der LDL-Durchschnittswert bei der deutschen Bevölkerung im mittleren Lebensalter zwischen 160 und 170 mg/dl, das heißt bei einem großes Teil der deutschen (und wahrscheinlich auch österreichischen) Bevölkerung im mittleren Lebensalter liegt ein "high LDL cholesterol" vor.
Ergebnis der Studie
Zusammenfassend stellt die zitierte Lancet-Publikation auf Seite 585 fest (auf Deutsch übersetzt):
"Insgesamt gibt es hochwertige, konsistente und biologisch plausible Belege dafür, dass ein hoher LDL-Cholesterinspiegel im mittleren Lebensalter ein Risikofaktor für Demenz ist. Die WHO-Leitlinien von 2019 legten nahe, dass die Behandlung von Dyslipidämie im mittleren Lebensalter das Risiko kognitiver Beeinträchtigungen und Demenz verringern könnte, die Qualität der Evidenz war jedoch gering. Obwohl es keine langfristigen, qualitativ hochwertigen randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) zu Statinen zur Prävention von Demenz gibt, wären solche Studien unethisch und praktisch nicht durchführbar. Metaanalysen von Beobachtungsstudien sind heterogen, zeigen aber einen Nutzen von Statinen hinsichtlich des Demenzrisikos, möglicherweise weil der Nutzen vom Alter bei Behandlungsbeginn abhängt."
Wenn ich nicht schon seit 25 Jahren ein Statin einnehmen würde, wäre diese Publikation in "The Lancet" für mich der Anlass zur Demenz-Vorbeugung ein Statin zu nehmen.
Hausarzt konsultieren
Es ist mir wichtig, Sie darauf hinzuweisen, dass Sie Behandlungsentscheidungen (wie die Einnahme eines Statines) zusammen mit Ihrem Hausarzt treffen sollten. Wie oben bereits aufgeführt, bin ich der Meinung, dass Hausärztinnen und Hausärzte unsere größte Wertschätzung verdienen.
Übrigens geht die Publikation in "The Lancet" davon aus, dass der Prozentsatz modifizierbarer Risikofaktoren für Demenz immerhin 45 % beträgt. Darauf will ich in späteren Beiträgen eingehen.
Bleiben Sie jung!





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